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Mobile Jugendarbeit im System der deutschen Jugendhilfe In der Bundesrepublik Deutschland entstand die
Mobile Jugendarbeit Ende der 60er Jahre als eine praktische Kritik an
den im Bereich der Jugendhilfe dominanten individualisierenden Hilfekonzepten.
Diese Kritik muss auch heute noch aufrecht erhalten werden. Weiter stellt
Mobile Jugendarbeit den Versuch einer Kompensation von Teilaspekten der
Krise in der offenen Jugendarbeit dar. Offene Jugendarbeit erklärt
sich vielfach nach wie vor für unzuständig und inkompetent,
ausgegrenzten oder gefährdeten Jugendlichen gegenüber gerecht
zu werden. Ausgrenzungen und Hausverbote bei Jugendlichen mit bestimmten
Problemen werden so legitimiert. Hinzu kommen relativ starre, verregelte
Raumkonzepte und ein Festhalten an der Komm-Struktur, die so den Zugang
zu Straßenkindern und Straßenjugendlichen verhindern. Kernelemente Mobiler Jugendarbeit (1) MJA als ein Bereich zwischen offener Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit ist eine offensive sozialpädagogische Handlungsstrategie. Sie versucht, primär für und zusammen mit gefährdeten Jugendlichen qualitative Alternativen zu selbst- und fremdzerstörerischem Verhalten zu entwickeln. Es geht also z. B. um alleingelassene, extremistisch orientierte, arbeitslose, suchtgefährdete, aggressive oder bereits delinquenzbelastete Jugendliche. (2) Mobile Jugendarbeit ist subjektorientiert und geht von einem mit den Zielgruppen parteilichen und geschlechtsspezifischen Konzept aus und praktiziert Street Work, Einzelberatung, Gruppen- und Gemeinwesenarbeit. Dies bedeutet Arbeit im Lebensfeld der Jugendlichen, also in den meist cityzentrierten sozialen Brennpunkten der Städte ebenso wie in Stadtteilen, in Mittelstädten und in ländlichen Regionen, in der Gemeinde, in multikulturellen Kontexten, auf der Straße, in Jugendhäusern, auf Bahnhöfen und im Fußballstadion, in Clubs und Beratungszentren, in der Disco; meint Arbeit in der jugendlichen Straßengruppe (Clique, "Bande") und vor allem mit ihren informellen Führern; meint Arbeit mit den Bezugsgruppen der Jugendlichen, also mit Familie, Nachbarn/-Nachbarschaft, Bewohner, Schule, Betrieb, Polizei, Jugendamt, Gericht und Medienvertreter. (3) MJA betont die Wahrnehmung von allgemeinen
Bewohnerinteressen und die Veränderung von sozialökologischen
Lebensbedingungen, so dass soziale Probleme stärker in ursächlichen
Zusammenhängen angegangen werden. Bei diesem präventiven Aspekt
spielt das Moment der gemeinde- bzw. stadtteilöffentlichen Behelligung,
Mobilisierung und Beteiligung der Bewohner an Problemlösungsstrategien
eine zentrale Rolle. Die Bildung von sozialem Kapital zum Wohle besonders
von bedrohten und ausgegrenzten Kindern und Jugendlichen ist ein zentrales
Ziel. (4) MJA versucht, den Jugendlichen ein politisches
Verständnis ihrer Lage zu vermitteln. Dem Konzept emanzipativer
Lernschritte in der MJA (Specht 1979) folgend, soll der einzelne Jugendliche
durch erlebnisorientierte Erfahrungen aus problembedingten Einschränkungen
und Fesselungen (z. B. Isolation, Sucht, Strafe) durch einen zunehmend
gelingenden Alltag und wachsendes Selbstbewusstsein herausgeführt
werden, so dass für ihn die Voraussetzungen für ein selbstverantwortliches
Handeln auch in politischer Hinsicht erfüllt werden. Gemeinwesenarbeit - Bildung von lokalen Netzwerken Die Gemeinwesenarbeit hat in der Mobilen Jugendarbeit
einen zentralen Stellenwert. In der Realisierung produktiver sozialer
Netzwerke ist Mobile Jugendarbeit auf eine systematische Reduzierung ausgrenzender,
stigmatisierender und kriminalisierender Kontakte hin angelegt. Hierzu
ist eine über die Lebens- und Problemlage des Jugendlichen aufklärende
und verständigungsorientierte Vermittlungsarbeit in seinem Lebensfeld,
in seinem Milieu erforderlich (Sozialraumanalyse, Feldanalyse, Stadtteilanalyse).
Diese setzt in der Familie, in der Nachbarschaft, in der Schule, in der
Gemeinde, in der peer group oder am Arbeitsplatz an und versucht bewusst,
in diesen Interaktionsfeldern gegenläufige, also Zuwendungs- und
Solidarisierungsprozesse auszulösen. Im Rahmen einer intensiven Öffentlichkeitsarbeit sollen vor allem Familien bzw. Bewohner auf die Lebenslage benachteiligter Kinder und Jugendlicher aufmerksam werden und gleichzeitig die Möglichkeit erhalten, sich für deren Belange einzusetzen. Dies kann sowohl durch eine ehrenamtliche Mitarbeit als Laienberater als auch durch lokal- und jugendpolitisches Engagement auf der Gemeinwesenebene geschehen. Stadtteilfeste, öffentliche Diskussionen über Jugendprobleme im Wohnviertel, Elternarbeit, Mitarbeit in Bürgerinitiativen, z. B. zu den Themen: Spielplätze, Mieterschutz, Ausländer, Aussiedler und Asylanten im Gemeinwesen, Jugendräume, Verkehrsberuhigung, Fahrradwege, Lärmschutz u. a. sollen auf der Stadtteilebene dazu dienen, die Verantwortung aller Bewohner im Viertel im allgemeinen und der unmittelbaren Nachbarn von gefährdeten Kindern und Jugendlichen im besonderen anzusprechen und in ein Veränderungskonzept mit einzubeziehen. In besonderer Weise gilt dies dort, wo Resignation, Ohnmachtserlebnisse, Kriminalitätsfurcht und Berührungsängste mit bestimmten Randgruppen sehr ausgeprägt sind. Eine bewusste, möglichst von dem Betroffenen und solidarischen Bewohnern getragene Dramatisierung durch Öffentlichkeitsarbeit ist hierbei nicht selten angebracht. Insbesondere dort, wo bereits repressive (polizeiliche) Maßnahmen als "Lösungen" gefordert oder in Ansätzen bereits praktiziert werden. Der amerikanische Soziologe Short hatte u. a. als einen der größten Feinde von Jugendhilfemaßnahmen bei hoher Jugenddelinquenz das Desinteresse und die Apathie der Bewohner ihren eigenen Problemen gegenüber bezeichnet. Hiergegen anzukämpfen und durch intensive Öffentlichkeitsarbeit, die nicht nur geißelt und damit Schuldgefühle bei Stadtverwaltungen auslöst, sondern durch das Aufzeigen gangbarer Wege zur Lösung des Problems eine möglichst breite Unterstützung von Bewohnern erreicht, sei eine wichtige Aufgabe lebensweltorientierter Sozialarbeit (Thiersch). Bewohnermobilisierung bzw. -beteiligung ist also ein zentraler Ansatz bei der Bildung lokaler Netzwerke. Hierbei sollten jedoch zwei Ebenen unterschieden werden: Erstens die Ebene der Betroffenenbeteiligung (Jugendliche, Erwachsene aus dem Wohnviertel) und zweitens die Ebene einer lokalen Fachbasis, bei der sich primär jugendpolitisch Verantwortliche sowie öffentliche und freie Jugendhilfeträger in Stadtteilarbeitskreisen oder an „Runden Tischen“ versammeln. Selbstverständlich sind beide Ebenen miteinander zu vernetzen. Von außen installierte Sicherheitsbeiräte oder „Runde Tische zur Kriminalprävention“, bei denen Kinder und Jugendliche sowie ihre Eltern und Lehrer nicht mit am Tisch sitzen, haben nur geringe Erfolgsaussichten, da sie aufgesetzt sind und die sozialen Kräfte des Gemeinwesens nicht berücksichtigen. Unterschiedliche Ansätze Mobiler Jugendarbeit Gegenwärtig lassen sich in Deutschland zwei Typen von Mobiler Jugendarbeit unterscheiden: (1) Ansätze, die sich an Grundsätzen
von Stadtteil- und Gemeinwesenarbeit orientieren (können) und lokalspezifisch
stark mitgetragen und verwurzelt sind. Beim ersten Ansatz liegt der Schwerpunkt auf
der Verhinderung oder Rückgängigmachung von Ausgrenzungs- und
Stigmatisierungsprozessen aus einem noch einigermaßen intakten
und mobilisierbaren Familien-, peer group-, Nachbarschafts- und Wohnviertelmilieu.
Dass es bei der Aufzählung dieser Zielgruppen
und Problemlagen in vielen, meist sehr komplex gelagerten Fällen
zu Überschneidungen kommt, dürfte klar sein. Ebenso wird deutlich,
dass der zweite Ansatz im Hinblick auf die größeren Entfernungen
der tangierten geographischen Räume und Regionen - z. B. durch hohe
Streifraummobilität mit häufig wechselnden Aufenthalts- und
Aktionsorten der Jugendlichen - im eigentlichen Wortsinn meistens "mobiler"
sein muss als eine stark wohnviertelbezogene Arbeit. Wo findet Mobile Jugendarbeit statt und wer sind die Träger? 23 Jahre nach dem ersten Projekt Mobiler Jugendarbeit
in Stuttgart (1967) wurde im Juli 1990 in Ravensburg die Landesarbeitsgemeinschaft
Mobile Jugendarbeit Baden-Württemberg gegründet. Der Landesarbeitsgemeinschaft
waren zu diesem Zeitpunkt ca. 40 Einrichtungen bekannt, die Mobile Jugendarbeit
praktizierten. Weitere sind zwischenzeitlich hinzugekommen ( im Jahre
2006 = 110). In 12 weiteren Bundesländern wie z.B. in Bayern, in
Berlin, in Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und in Sachsen, gibt es
ebenfalls Zusammenschlüsse auf Landesebene, wenngleich unter teilweise
unterschiedlichen Begriffen bzw. Begriffskombinationen (Street Work/Mobile
Jugendarbeit, Straßensozialarbeit). Aus Mangel an systematischen
Untersuchungen aus allen 16 Bundesländern über Formen und Projekttypen
zur Mobilen Jugendarbeit und zu Street Work Ansätzen können
derzeit keine verlässlichen Angaben über den tatsächlichen
Umfang und die Verbreitung Mobiler Jugendarbeit in Deutschland gemacht
werden. Mitglieder der 1997 gegründete Bundesarbeitsgemeinschaft
Streetwork/Mobile Jugendarbeit schätzen ca. 1100 bis 1300 Projekte
in ganz Deutschland. Bei der Frage nach den Trägern, die solche
Projekte in Angriff nehmen und durchführen, ist festzustellen, dass
sowohl freie (Kirchengemeinden, Vereine, Wohlfahrtsverbände) als
auch öffentliche (Jugendämter, Gesundheitsämter, Kommunalverwaltungen)
Träger auftreten. Dabei fällt auf, dass Projekte mit einer starken
Verwurzelung im Stadtteil und unter hoher stadtteil- oder gemeindeöffentlicher
Beteiligung von Bewohnern (Laienberatern, ehrenamtlichen Mitarbeitern)
eher von freien als öffentlichen Trägern durchgeführt werden. Kurzbeschreibung Mobiler Jugendarbeit: englisch
- russisch L i t e r a t u r BAG der Landesjugendämter und überörtliche
Erziehungsbehörden, Hildesheim 1986 |